Musikalische Entdeckungen: Nisse

Es ist erstaunlich, wie sehr sich die deutsche Musikszene in letzter Zeit macht und Nisse ist nun ein weiterer junger Künstler, der frischen Wind in die bestehende Sound-Landschaft bringt.

Nisses Stil ist es, deutsche Poetik mit einer szenetauglichen, schweren Mischung aus Electro und Synthie-Pop zu vereinen. Diese mutige Kreation funktioniert einwandfrei, dazu gibt es den Zeitgeist widerspiegelnde Texte mit Berlin-Anleihen („Die Schmetterlinge in deinem Bauch machen Party im Berghain“).

Was mir besonders gefällt an Nisses Debütalbum „August“ ist die gewisse Kompromisslosigkeit, mit der die einzelnen Stücke hier vorgetragen werden. Klar gibt es radiotaugliche Ausflüge in den Mainstream („Herz auf Beat“), aber im Großen Ganzen scheut sich Nisse nicht, für seine Kunst auch dahin zu gehen, wo es sperrig wird. Furios sticht da etwa ein Song wie „Schmerzfrei“ heraus, der zu einem harten Electronica-Beat einen ebenso wütenden Text aus den Boxen klingen lässt („Du kannst ficken mit meinem Verstand doch meinem Herz hast du nicht mal einen runtergeholt“). Sanfter gehts bei Stücken wie „Liebe Liebe“ zu, welches mit großer Zärtlichkeit von unerwiderter Intimität erzählt.

Nisse ist unkonventionell und sein Debüt ein kraftvolles Electronica-Schmuckstück. Eine echte positive Überraschung!

Oben gibt’s das schicke Video zu „Herz auf Beat“! Eine Tour ist schon angekündigt (unter anderem auch im Berghain ;))

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Tanz des Lebens

Wie weit kann man einen Film in seinen erzählerischen Mitteln reduzieren, ohne dabei die Klarheit der Geschichte zu verlieren? Es ist eine interessante Frage, an der sich schon viele Regisseure versucht haben – mal mehr, mal weniger erfolgreich. „Five Dances“ von Alan Taylor gehört glücklicherweise in die erste Kategorie.

Taylor erzählt eine Geschichte von Selbstfindung in der großen Stadt, doch anstatt durch Dialoge macht er dies hauptsächlich über die Körper seiner Figuren. Sämtliche Protagonisten sind nämlich Ausdruckstänzer und die bereits im Titel erwähnten fünf Tänze, die in die Handlung integriert sind, bringen die Handlung voran.

„Five Dances“ handelt von Chip (Ryan Steele), der aus seinem schwierigen Elternhaus flüchtet, um sich in New York einem Tanzensemble anzuschließen. Er ist arm, allein und lebt für die Choreografien, in denen er sich öffnet. Seine besondere, einfühlsame Art hat bald Einfluss auf das Leben seiner Kollegen, die durch ihn über ihre eigenen Leben nachdenken. Und auch zwischen Chip und dem Tänzer  Theo (Reed Luplau) entwickelt sich bald vorsichtig eine tiefgehende Zuneigung…

Es gibt kaum Dialoge in dem Film, Taylor reduziert bis auf Ausnahmen seine Bilder auf die Körpersprache seiner Darsteller. Es erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit vom Zuschauer, der so gezwungen wird, ganze Hintergründe über Bewegungen und Mimik zu erfahren. Es öffnet den Film für verschiedene Interpretationen. Wenn man sich an den erzählerischen Stil gewohnt hat, passiert etwas Wunderbares, denn die Betonung jeder Geste  der Figuren maximiert deren Wirkung und damit auch auf die Wirkung des Films selbst. Der Soundtrack tut dann sein Übriges, mit perfekt ausgesuchten Songperlen von Gem Club oder Perfume Genius.

Zudem stellt „Five Dances“ dann zum Ende hin die Liebesgeschichte zwischen Chip und Theo auf wirklich berührende Weise in den Mittelpunkt. Viel zu oft sind homosexuelle Beziehungen in Hollywoodfilmen noch problembehaftet, hier wird sie konfliktfrei dargestellt, einfach nur als wachsende Liebe zwischen zwei Menschen. Dafür kann man den Film nicht genug loben, vor allem weil auch in einer später folgenden, recht expliziten Sexszene zwischen den Figuren mit jeglichem Klischée um gleichgeschlechtlichen Sex aufgeräumt wird.

„Five Dances“ ist ein Kunstwerk von hoher Sensibilität. Dadurch wirkt er trotz der außergewöhnlichen Herangehensweise näher am echten Leben als manch andere „Coming-of-Age“-Storys, die universeller gestaltet sind. Wirklich empfehlenswert und ein echter Geheimtipp.

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In 6 Wochen…

…startet Madonna ihre „Rebel Heart“ – Welttournee in Montreal und nun hat die Sängerin zwei aufregende Teaser veröffentlicht, die den Vorbereitungsprozess schildern. Der erste Eindruck: die Sängerin will sich für ihre zehnte Tour abermals übertreffen. Das wird groß, ganz groß. Neben unzähligen komplexen Choreografien und einer riesigen, Kruzifix-Förmigen Bühne, die in den Zuschauerraum reingeht wird das Ganze wohl auch von den Kostümen und Effekten wieder eine Augenweide. Dazu gibt es strippende Nonnen und riesige Holzkreuze mit Madonnas Emblem. Seit Wochen teast sie auch die Tracklist für die Konzerte und da gibt es neben den neuen Songs der „Rebel Heart“-Ära auch die ganz großen Klassiker.

Wenn ich das alles so sehe, steigt meine Vorfreude weiter ins Unermessliche, denn ich habe das Privileg, die Königin der Pop-Musik live zu erleben, wenn sie im November nach Deutschland kommt. Madonna selbst sagt übrigends, dass sie mit ihren Konzerten die Essenz der seelischen und körperlichen Liebe ergründen will. Bekannt ist auch, dass sie sich bereits mit Fotograf Steven Klein zusammengetan hat, um abermals ein politisches Manifest in Form eines Videobeitrags für die Tour zu kreeiren.

Man darf also gespannt sein. Madonna scheint bereit. Ich bin es auch. Die Teaser findet ihr jeweils über und unter dem Beitrag.

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Liebe und Leiden

Kritik zu „How big, how blue, how beautiful“ von Florence+the Machine

Wie kann man so lieben? Diese eine Frage thront über Florence Welch’s Texten und auch in der Vertonung durch ihre Band „The Machine“. So lieben. Das bedeutet in ihrer Welt die komplette und unerbittliche Hingabe. Liebe ist wild. Liebe ist fordernd. Sie euphorisiert genauso wie sie deprimiert. Wann ist sie gut, diese Liebe? Und wann ist sie es nicht? Und stimmt es wirklich? Verbinden beide Gefühlsextreme einen für immer? Das gemeinsame Leiden wie das gemeinsame Glücklichsein?

Das sind große, existenzielle Fragen, die Welch sich hier stellt und anstatt sie zu beantworten gibt sie dem Hörer lieber Einblicke in ihre eigenen Erfahrungen, mit Worten so wuchtig und groß wie ihre Stimme.

Das ist gleich zu Beginn ganz großes Kino, wenn sie in dem wütenden „What Kind of Man“ davon singt, in einer Beziehung gefangen zu sein, in der sie gefühlsmäßig am langen Arm zu verhungern droht. Metaphorisch beschreibt sie es wie eine Wanderung durch den Canyon mit einem gebrochenem Fuß. Ein Überlebenskampf. Und doch bleibt sie, denn ein Kuss entzündet ein Feuer der Zuwendung, dass die Dunkelheit wieder erhellt. What Kind of Man loves like this? tönt es dabei aus den Boxen, eingebettet in wütende Gitarrenklänge.

 Die Sängerin war schon immer theatralisch, aber anstatt ihre Songs in Surrealität zu betten wie auf den Vorgängeralben, vertont sie nun die Realität. Die Metaphern jedoch sind geblieben. In „Saint Jude“ beschreibt sie eine Trennung wie ein Beisammensein im Auge des Sturms. Eingehüllt von der Naturgewalt, blickt sie zurück. Maybe I’ve always been more comfortable in Chaos.

Die Frage, warum man an einer Liebe festhält, wenn sie einen doch immer wieder verletzt, wird häufig gestellt. Wie viel Geduld muss aufgebracht werden, wie viel muss eingesteckt werden bis endlich eine gemeinsame Balance gefunden wird, mit der man als Paar existieren kann? Let me leave or let me love you heißt es da im kraftvollen „Make up your Mind“. So simpel und doch so unglaublich deutlich.

Florence geht dabei hart mit sich selbst ins Gericht, listet sie doch ihre eigene, selbstzerstörerische Ader als einen Hauptgrund für die komplizierten Beziehungen in ihrem Leben. In dem beeindruckenden Bonustrack „Which Witch“ stellt sie sich dabei selbst den Prozess, wartend auf ein Urteil in Form der Orchesterklänge. Das Ganze ist ein Track mit einer solchen emotionalen Wucht, dass einem als Hörer schlichtweg die Kinnlade runterklappt. Gleichzeitig kommt sie aber auch zu der Erkenntnis, dass sie nicht immer die Person sein muss, die am Boden kriecht, bettelnd um Absolution. I’m getting tired of crawling all the way.

„How big, how blue, how beautiful“ ist dann trotz der schwierigen Themen ein ausgesprochen hoffnungsvolles Album. Denn Welch beschreibt zwar, wie sie all diese Dinge erlebt, aber vor allem geht es darum, wie sie sich von ihren Dämonen befreit. Sie lässt los. Fähig, neu zu lieben, neu zu fühlen, neu zu beginnen. Und letztendlich – was ist die Liebe ohne Leidenschaft, ohne Größenwahnsinn, ohne das Hin- und Herwinden in den Extremen der eigenen Gefühle? Dieses Album ist das musikalische Manifest zu dieser Frage.

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Musikalische Entdeckungen: Cazwell

Cazwell hat so etwas wie eine Alleinstellung im amerikanischen Rap inne: Als offen homosexueller Künstler hat er es geschafft, sich in einer ausgesprochen homophoben Musikszene einen Namen zu machen – und das mit Songs, die überaus deutlich seine Sexualität in den Vordergrund stellen. So ist er relativ schnell zu einem der Aushängeschilder des sogenannten „Homo Hops“ geworden.

Cazwell zieht seine Songs nicht vordergründig als politische Statements auf. Viel mehr liegt ihm an der Verbreitung von guter Laune und das gelingt ihm verdammt gut. Die beiden Alben „Watch my Mouth“ und „Hard 2 b fresh“ sind vollgepackt mit unverschämt tanzbaren Songs, die teilweise so wagemutig die Grenze zum Camp überschreiten, dass man als Hörer gar nicht anders kann als zu grinsen. Das Spiel mit den Klischées – sei es mit denen der Homosexuellenszene oder denen des Hip Hops – versteht er dabei perfekt. Serviert wird das Alles nämlich mit einem gehörigen Augenzwinkern.

Natürlich ist das nichts für jedermann. Cazwells Songs sind mitunter sexuell äußerst explizit (bei Lyrics wie „Sprung“ kann man schon mal rot werden), allerdings liegt gerade hier der Punkt, an dem Cazwell’s Musik zu etwas kulturell enorm Wichtigem wird. Er bricht mit dem gesellschaftlichen Tabu, über gleichgeschlechtlichen Sex zu reden und kommentiert die vorherrschenden Mythen selbstironisch und in mehr als deutlichen Worten.

Songs wie „Ice Cream Truck“ oder „I seen Beyoncé“ sind dabei schon längst zu echtem Kult geworden. Also, wer noch Musik für die nächste Party sucht – hier ist sie.

Eins von Cazwells Videos zu posten würde die jugendfreie Umgebung dieses Blogs sprengen, also gibt’s oben lieber ein Interview von Toronto TV, in dem er gut gelaunt über seine Musik redet. Anspieltipps bei Youtube sind aber auf jeden Fall „Downtown„, „Rice and Beans“ & „No Selfie Control„!

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We go hard or we go Home

http://www.vevo.com/watch/USUMV1400664

Die Leute, für die Madonna eh ein rotes Tuch ist, dürften ihr neues Video aus genau den Gründen hassen, aus denen ich es momentan ziemlich abfeiere: Sie twerkt, sie trägt Goldzähne, sie macht mit jüngeren Männern und  Frauen rum, hat pinke Haarextensions und geht auch sonst ab als gäbe es keinen Morgen. „Bitch I’m Madonna“ heißt der dazu passende Song, der mit einem unverschämt tanzbaren Beat davon erzählt, dass man einen Scheiß darauf geben sollte, was andere denken.

Da kommen in der Presse natürlich zwangsläufig die mittlerweile langweilig gewordenen Diskussionen wieder hoch, ob eine 56-jährige sich noch so aufspielen darf. Diese werden aber an dieser Stelle einfach ignoriert, denn zu dem Thema „Madonna & Altersdiskriminierung“ habe ich mich bereits hier ausführlich geäußert. Alles, was ich in diesem Clip sehe, ist eine Frau die komplett mit sich selbst, ihrem Körper und ihrer Sexualität im Reinen ist und genau das genießt. Also, bitte höre niemals auf damit, Madonna. Mit dir würde ich sofort auf die Tanzfläche gehen 😉

Zu Gast in dem schön verrückten Clip sind übrigends Superstars wie Beyoncé, Katy Perry, Kanye West, Rita Ora und natürlich Duettpartnerin Nicki Minaj. Hier zeigt sich mal wieder: Wenn Madonna mit jemandem kollaborieren will, stehen sie alle Schlange.

Oben findet ihr den Link zum Video. Unten das ebenfalls ziemlich geile Making Of (mit noch mehr Twerking). Bitch I’m Madonna!

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Der Weg ist das Ziel

Aus der Kategorie Lieblingsfilme: „Der große Trip – Wild“

Das Leben hinterlässt Spuren an jedem von uns. Es wirkt ein auf unsere Seelen und Körper – spürbar, in jeder vergehenden Sekunde. Wir haben die Fähigkeit, dies bewusst wahr zu nehmen. In Momenten von großem Schmerz oder Enttäuschung können wir fühlen wie etwas zerbricht, genauso wie wir es bemerken, wie in Augenblicken von Glück und Freude etwas aufgebaut, ja geheilt wird. Was sehen wir also, wenn wir unsere Körper in den Spiegeln betrachten? Welche Ereignisse haben uns am meisten geprägt? Welche Beziehungen am meisten bewegt? Und wie können wir all das, was war, nutzen für das, was noch kommen wird?

1995 liegt Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) am Boden. Tief traumatisiert von dem frühen Tod ihrer Mutter Bobbi (Laura Dern) verliert sie sich in ihrer Trauer in einer selbstzerstörerischen Lebensweise aus Drogen und wahllosem Sex. Ihre Ehe zerbricht. Nichts ist mehr wie es vorher war. Als Cheryl durch Zufall in einer Buchhandlung einen Reiseführer über den Pacific Crest Trail entdeckt, kommt ihr eine Idee, wie sie wieder zu der Frau werden kann, für die ihre Mutter sie einst hielt. Es wird eine Weitwanderung durch die Wildnis Kaliforniens, Oregons und Washingtons. Über 1.600 Kilometer. Cheryl, die keinerlei Wandererfahrung hat, gerät an ihre Grenzen, mehr noch als zuvor. Und während sie Meile für Meile hinter sich lässt, entfalten sich die Ereignisse der letzten Jahre und ihre Bedeutung für die Gegenwart vor ihren Augen. Ein Heilungsprozess nimmt seinen Lauf.

Was mich am meisten an „Der große Trip“ berührt hat, ist seine unerbittliche Ehrlichkeit. Wir Menschen neigen dazu, uns vor unangenehmen Wahrheiten über uns selbst zu verschließen. Es ist ein natürlicher Selbstschutzmechanismus. Cheryl konfrontiert sich selbst auf ihrer Wanderung mit ihren dunkelsten Dämonen. Die Natur zwingt sie dabei dazu. Die Ruhe und die Isolation. Es gibt kein Entkommen vor der Tatsache, dass sie nicht nur sich selbst verletzte, sondern auch Menschen, die sie liebt. Es sind brutale Einsichten und sie kommen immer wieder über sie in den kleinen Momenten. Hier verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart. Sie überschneiden sich. Schlagen Verbindungen. Der exzellente Schnitt des Films von Martin Pensa und John Mac McMurphy machen diese Schlüsselerlebnisse für den Zuschauer spürbar.

Man muss dazu sagen, dass dies eine wahre Geschichte ist. Der Film basiert auf Strayeds Bestseller, der ebenso ehrlich ist wie diese wunderbare Verfilmung. Strayed offenbart wirklich viel von sich. Es ist ein gnadenloser Seelenstriptease einer Frau, die versucht sich zu befreien. Die versucht, sich neu zu entdecken. Reese Witherspoon verkörpert diese mutige Frau mit einer ebenso hingebungsvollen Darstellung, für die sie zu Recht für den Oscar nominiert wurde.

Es geht nicht nur um die Auseinandersetzung mit den eigenen Taten oder dem eigenen Wesen, sondern auch um die komplexe Macht menschlicher Beziehungen. Cheryls Verhältnis zu ihrer Mutter nimmt dabei eine ganz bedeutende Rolle ein. Es ist bemerkenswert, wie Regisseur Jean-Marc Valée es schafft, mit so wenigen Szenen eine so universelle Botschaft über die kraftvolle Verbindung zwischen Müttern und Kindern zu vermitteln- eine, die durch Laura Derns ebenfalls oscarnominierten Leistung noch weiter verstärkt wird.

Das Leben hinterlässt Spuren. Wir verändern uns. Veränderung ist eine Konstante. Sie passiert ständig. Jeder von uns nimmt sie anders wahr und es liegt an uns, wie wir mit ihr leben und wie wir sie sehen, positiv oder negativ. Der Film zeigt Cheryl oft, wie sie in den Spiegel sieht und sich selbst betrachtet. Sie sieht die Veränderung, zunächst eher weniger, aber je weiter sie geht, umso klarer wird diese für sie. Kurz vor dem Ende ihrer Reise trifft Cheryl auf einen kleinen Jungen, der für sie ein Lied singt. Diese wirklich zu Tränen rührende Szene wird zum Katalysator, nicht nur für sie als Charakter, sondern auch für den Zuschauer, der die vergangenen 2 Stunden mit ihr verbracht hat und unterbewusst selbst dazu gebracht wurde, über das eigene Leben zu sinnieren.

Die Sorgfalt und Sensibilität von „Der große Trip“ haben mich tief bewegt, denn es ist einer dieser Filme, die es schaffen, dass man wirklich nachdenkt. Über sich selbst, über seine Umwelt, über das, was sich Leben nennt. Eine inspirierende Seelenwanderung und ein Werk, das ich meinen Lesern wirklich ans Herz legen möchte.

„Es genügte zu wissen […] das mein Leben, wie alle Leben, rätselhaft, unabänderlich und heilig war. Es war so nah. So präsent. Es gehörte so sehr zu mir – wie wild es auch sein mochte, ihm freien Lauf zu lassen.“ – Cheryl Strayed

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Rost und Metall

Was für ein abgefahrener Trip war das denn? 2 Stunden lang durfte ich soeben die Zukunftsvision erleben, die George Miller mit seinem neuen Film „Mad Max: Fury Road“ auf die Leinwand gebannt hat. Am Ende steht die Erkenntnis, dass ich wohl Zeuge einer kleinen Revolutionierung des modernen Actionkinos wurde. Denn eins ist klar: Alles, was in Zukunft in der Richtung kommt, muss sich mit dem, was „Mad Max“ hier bietet, messen lassen.

Nach der Apokalypse ist die Erde ein einziges, ödes Land: Trocken, karg und unerbittlich. Treibstoff und Wasser sind Mangelware und um diese wichtigen Ressourcen wüten Kriege zwischen den einzelnen Menschengruppen. Der stoische Einzelgänger und selbsternannte Straßenkrieger Max Rockatansky (Tom Hardy) wird in dieser Welt von dem grausamen Diktator Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) verschleppt. Dies hat zur Folge, dass Max mitbekommt, wie Joe von seiner engen Vertrauten Imperator Furiosa (Charlize Theron) betrogen wird. Diese hat sich vorgenommen, den von Joe als Gebärmaschinen versklavten Harem zu befreien. Kurzerhand schließt sich Max Furiosas Kommando an, verfolgt von einer ganzen Armada von Soldaten, die dem Diktator seine Frauen zurückbringen sollen.

Von Minute 1 an legt Regisseur Miller ein gnadenloses Tempo vor und lässt seinen Film eigentlich zu einer einzigen Verfolgungsjagd ohne Atempause durch die Weiten der Wüste werden. Es kann einfach nur als furios bezeichnet werden, wie willig sich die Inszenierung auf den Wahnsinn der eigenen Geschichte einlässt und diesen konsequent steigert, immer und immer weiter. Die gigantischen Kriegskarosserien werden immer wieder in Hochgeschwindigkeits-Konfrontationen verwickelt, ebenso wie die diese fahrenden Protagonisten. Die Ideen, die George Miller auffährt, um das Geschehen abwechslungsreich zu halten, funktionieren dabei im Kontext des Films absolut hervorragend. Wenn Immortan Joe einen durchgedrehten Musiker eine feuerspeiende E-Gitarre spielen lässt, um sich im Gefecht anzukündigen, passt das einfach – so durchgeknallt es klingt – absolut harmonisch ins Gesamtbild dieser Zukunftsvision. Die Actionszenen sind dabei handgemacht und kommen bis auf ein paar Ausnahmen auch ohne CGI aus. Das merkt man den Film an, den ein dreckiger Realismus beherrscht jede Szene – wenn es rummst, dann spürt man das im Kinosessel, ebenso wie John Seales weitläufigen Bilder die Szenerie der Wüste dem Zuschauer so nah bringen, wie es dem Kino eben nur möglich ist.

Und so steigert sich der Film immer mehr, bis das dramatische Finale dann dem bildgewaltigen Geschehen in Brachialität die Krone aufsetzt und mir als Rezensent  endgültig die Kinnlade runter klappte.

So simpel die Story des Films, so visionär die Inszenierung. Die Darsteller geben sich Millers Fantasie vollkommen hin. Tom Hardy als wortkarger Titelheld besitzt eine unfassbare Leinwandpräsenz, auch ohne viele Worte. Die Show wird ihm allerdings von Charlize Theron gestohlen, die einfach so grandios badass in dieser Rolle ist, dass ich mir jetzt schon ein Spin-Off mit Furiosa sehnlichst herbeisehne.

Das Übrige tut dann der Soundtrack von Junkie XL, der ebenfalls nie zur Ruhe kommt und damit die wilde Stimmung von „Mad Max“ weiter antreibt.

„Fury Road“ ist also ein anarchischer Actiontraum – laut, atemlos, spektakulär und nur so strotzend vor Selbstbewusstsein. Ein Erlebnis nicht für jedermann, aber eins, bei dem man auf jeden Fall einen Blick riskieren sollte. Der Trailer oben gibt da schon mal einen gelungenen Ersteindruck.

09/10 Punkten (mit Chance auf die Höchstwertung bei Zweitsichtung)

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Die Seele der Jäger

Wenn man die Dunkelheit berührt, erwidert diese die Berührung. Es ist eine Lektion, welche die beiden Detectives Rusty Cohle (Matthew McConaughey) und Martin Hart (Woody Harrelson) lernen müssen, als sie im Jahre 1995 einen bizarren Ritualmord in den Sümpfen Louisianas aufklären sollen. Der Fall konfrontiert sie mit den perfiden Abgründen der menschlichen Seele, aber vor allen mit ihren eigenen Dämonen. Im Jahre 2012 sind sowohl Cohle als auch Hart von den Erlebnissen von damals gezeichnet. Als ein weiterer Mord geschieht, der den Ereignissen ihres Falles auffällig ähnelt, müssen sich die Beiden der Frage stellen, ob sie den wahren Mörder damals nicht fassen konnten – und wagen trotz der Entfremdung zueinander eine weitere Reise in das Herz der Finsternis…

„True Detective“ ist ein echtes Erlebnis und das liegt auch daran, dass das HBO-Format das gängige Serien-Konzept revolutioniert. Jede Staffel ist eine abgeschlossene Handlung in sich, was die 8 Episoden eher zu einem überlangen Film werden lässt als zu einer konventionellen Aneinanderreihung von Folgen. Genau so sollte die von Nic Pizzolatto geschaffene Anthologie auch gesehen werden. Möglichst schnell hintereinander, so dass sich das komplexe Gesamtbild ordentlich entfalten kann.

Und was für ein unglaublich packendes Gesamtbild das ist! Vor der beklemmenden Atmosphäre der „Swamps“ entspinnen Autor Pizzolatto und Regisseur Cary Fukunaga eine vielschichtige Erzählung über den ewigen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, angereichert mit philosophischen Exkursen und einer Bildsprache, die einem als Zuschauer in den besten Momenten schlichtweg den Atem raubt. Es ist, als läge eine andauernde Ahnung über dem Geschehen, dass ein Sturm sich anbahnt und dieses Grundgefühl sorgt für eine unterschwellige Spannung, die über die komplette Laufzeit beibehalten wird. Wenn sich diese dann immer wieder zwischenzeitlich entlädt und die drei Zeitebenen und Handlungsstränge zusammengeführt werden, sorgt das für gnadenlos intensive Momente.

Zudem bekommt man mit Rusty Cohle und Martin Hart zwei der erinnerungswürdigsten Protagonisten, die ich in den letzten Jahren im Fernsehen bewundern durfte. Beide sind Getriebene und Beide werden über die Laufzeit mit den dunkelsten Facetten ihres Wesens in Berührung gebracht. Wie sowohl Matthew McConaughey als auch Woody Harrelson den existenziellen Kampf dieser beiden Menschen verkörpern, die beide versuchen, nicht selber in die Abgründe zu fallen, in die sie hinabschauen, ist ganz großes Schauspielkino. Erwähnenswert ist auch noch Michelle Monaghan, die Harts Ehefrau spielt. Aus einer Rolle, die in der Erzählung leicht einen untergeordneten Part hätte spielen können, macht Monaghan eine ebenso komplizierte wie doppelbödige Persönlichkeit wie die ihrer männlichen Kollegen und beeindruckt dadurch besonders in einigen Szenen zur Staffelmitte.

„True Detective“ ist oft verstörender Stoff, aber er lohnt sich ungemein. Das, was alle Beteiligten hier liefern ist schlichtweg ein inszenatorisches und narratives Meisterwerk. Mythologisch und symbolisch aufgeladen wie sie ist, bietet die Anthologie viele Möglichkeiten zu Diskussionen. Jeder, der noch keinen Blick riskiert hat, sollte es tun: Belohnt wird man nämlich mit einem elektrisierenden, enorm packenden Seherlebnis.

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Tinte unter Haut

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Hätte mir jemand vor zwei Jahren gesagt, dass ich in Zukunft tätowiert sein würde, hätte ich vermutlich gelacht. Aber das Leben geht oft überraschende Wege und nun sitze ich hier, stolzer Besitzer zweier Tattoos und in weniger als zwei Wochen werde ich zum dritten Mal gestochen. Irgendwann habe ich mal davon geredet, dass dies mein letztes sein wird. Aber ich weiß ganz genau, dass dem nicht so sein wird. Dazu bin ich viel zu angefixt.

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum Tattoos immer noch einen so zweifelhaften Ruf haben. Immerhin hat mittlerweile jeder dritte Deutsche eins. Man könnte meinen, es ist gesellschaftsfähig geworden und doch gibt es trotzdem Personen, vor denen man sich immer noch verteidigen muss.

Natürlich ist die Entscheidung, sich stechen zu lassen, keine, die man leichtfertig treffen sollte. Ein Tattoo ist eine Lebensentscheidung. Das Motiv wird mich mein Leben lang begleiten, es befindet sich unter meiner Haut und wird da nun immer sichtbar sein. Deshalb sollte man sich immer gut überlegen, ob man das wirklich will.

Bei meinem ersten Motiv habe ich mir ein Jahr Zeit gelassen, um mich zu entscheiden, ob ich es mir wirklich stechen lasse oder nicht. Zu mindestens beim ersten Tattoo halte ich diese Bedenkzeit für enorm wichtig. Meine anderen Beiden kamen dann nicht mal innerhalb eines Jahres dazu– trotzdem gab es auch hier das Gefühl von absoluter Sicherheit, dass ich diese Bilder für immer auf meinen Unterarmen sehen wollte.

Ein weiterer Punkt, den ich für wichtig halte, ist die Einzigartigkeit des Motivs. Ich wusste , dass ich Tattoos haben wollte, die sonst keiner hat und zu denen ich eine eigene Geschichte erzählen kann. Meine Tattoos sind nicht nur einfach in meine Haut gestochene Bilder, sie sind Symbole für mein Leben und für mein Wesen. Sie sind Statements für meine menschliche Individualität.

Tattoos sind eine wunderbare Kunstform, eine die viel zu oft unterschätzt oder fälschlicherweise geächtet wird. Klar, es gibt angenehmere Dinge, als sich stechen zu lassen- aber den Schmerz nehme ich gerne in Kauf für etwas, dass Bestand hat. Die Gefühle und Empfindungen, die ich mit meinen Tattoos verbinde, werden immer da sein und ich werde sie auch in Zukunft fühlen, wenn ich mal wieder einen Blick auf sie werfe.

Nicht jeder Mensch ist ein Tattoo-Mensch. Ich selbst hätte nicht gedacht, dass ich einer bin, da ich eigentlich unter einer recht ausgeprägten Spritzenphobie leide. Und trotzdem – die Bedeutung dieser Kunstform hat mich echt beeindruckt und sollte endlich die Anerkennung bekommen, die sie verdient.

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